Neues aus der Autorenwerkstatt: Lektorat Teil 1

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* Neues aus unserer Autorenwerkstatt *

von Jessie Weber

 

Lektorat Teil 1

Warum ist es wichtig?

Man kann sich nicht selbst lektorieren.

Das höre ich immer wieder von Autoren, die zugleich Lektoren sind – obwohl man ja meinen sollte, dass sie wissen, worauf zu achten ist, und es auch bei ihren eigenen Manuskripten können. Das wäre schön, ist jedoch nicht der Fall. Man wird blind für den eigenen Text. Schließlich weiß man, was man schreiben wollte und was dort stehen müsste. Dass es nicht dort steht, erkennt unser Gehirn nicht. Deshalb ist ein kritischer Blick von außen meiner Meinung nach notwendig, um Ungereimtheiten, sprachliche Ungenauigkeiten, fehlende Informationen, langatmige oder unwichtige Textstellen und vieles mehr aufzudecken. Damit auch der Leser deine Geschichte später so liebt, wie du es tust.
Bei der Entscheidung für oder gegen ein Lektorat (die ja nur für Selfpublisher ansteht, da Verlage im Normalfall ohnehin ein Lektorat durchführen lassen) stellen sich dem Autor folgende Fragen, zu denen ich hier einmal meine Meinung sagen möchte. Dabei setze ich voraus (und schreibe es nicht jedes Mal dazu), dass du an einen Lektor gerätst, der sein Handwerk versteht. Auch Lektoren sind nur Menschen – die jedoch nach meiner Erfahrung kein Interesse daran haben, etwas anderes mit deinem Text zu machen, als ihn mit dir zusammen zu verbessern. 

Ich überarbeite doch gründlich – reicht das nicht?

Eine gründliche Überarbeitung ist unverzichtbar und der erste wichtige Schritt, aus deiner Rohfassung ein leserliches Manuskript zu machen. Ohne sie könnte es peinlich werden – entweder dem Lektor oder, viel schlimmer, dem Leser gegenüber, je nachdem, ob du dich für oder gegen ein Lektorat entscheidest. Den Text so sauber wie möglich, mit so wenigen Fehlern wie möglich, abzuliefern, ist immer eine gute Idee.
Aber auch die gründlichste Überarbeitung ersetzt jedoch nicht das Lektorat. Es gibt einfach Fehler, die du allein nicht finden kannst, da du – siehe oben – betriebsblind bist.
Du liebst jede einzelne Szene, jeden einzelnen Charakter – womöglich jedes deiner 500 geschriebenen Wörter?
Da haben wir schon das erste Problem. Rauswerfen, was du liebst, tut weh, und deshalb ist es die natürliche Reaktion, es zu vermeiden. Aber nicht jede Szene ist unverzichtbar, nicht jeder Nebendarsteller bringt die Geschichte voran. Der Lektor hilft dir, Längen in deinen Texten aufzudecken, überflüssige Szenen zu erkennen – damit sich der spätere Leser nicht langweilt und du ihn verlierst. Warum solltest du von allein eine wunderschöne Szene streichen, die du mit viel Herzblut geschrieben hast und die doch so wunderbar deinen Protagonisten charakterisiert? Erst der Lektor kann dir sagen, ob die Szene wirklich notwendig oder doch verzichtbar ist, um den Lesefluss zu verbessern und die Geschichte spannender zu machen. Du willst den Leser doch mitreißen!

Warum reicht es nicht aus, das Manuskript an Testleser zu geben?

Testleser sind gut und wichtig, doch sie können nicht das leisten, was ein professionelles Lektorat leistet. Der oben schon genannte „kritische Blick“ ist hier das Zauberwort.
Werden deine Verwandten oder engen Freunde wirklich ehrlich mit dir sein? Sie wissen doch, wie sehr du dein Werk liebst, und wollen dir nicht wehtun. Natürlich gibt es Ausnahmen. Ich habe großartige Testleser, die viel in meinem Genre lesen und mir zwar freundlich, aber ehrlich sagen, wenn es irgendwo hapert.
Gut geeignet sind als Testleser befreundete Autoren, denn sie wissen am ehesten, dass Kritik notwendig ist und es nicht weiterhilft, wenn jemand dir sagt, dass alles an deinem Werk super ist. Diesen fehlt jedoch meist die Zeit, sich neben ihren eigenen Geschichten auch noch intensiv mit deiner auseinanderzusetzen.
Der Lektor hat dafür nicht nur die Zeit, sondern auch die Objektivität. Er hat ein Gespür für die Sprache, das man bei den meisten Testlesern nicht voraussetzen kann, da sie sich nicht täglich kritisch mit Texten auseinandersetzen. Du weißt, dass er dir nach bestem Wissen die Wahrheit sagen wird.
Fazit: Auch die besten Testleser decken vielleicht eine oder zwei Leserpersönlichkeiten ab. Damit meine ich, dass es Leser gibt, die sich eher an Rechtschreibfehlern stören, während andere sie überlesen, aber mit verschachteltem Satzbau und ständigen Perspektivwechseln nicht klarkommen, wieder anderen sind all diese Dinge egal, sie können es aber nicht ertragen, wenn der Protagonist ständig die Stirn runzelt o. Ä.
Der Lektor befasst sich mit all diesen Dingen, sodass dein Werk am Ende möglichst vielen Leserpersönlichkeiten gefällt.

Ein Lektorat ist teuer, das kann ich mir nicht leisten!

Teuer ist relativ. Manche finden 3,99 Euro für ein Ebook mit 350 Seiten zu teuer, während sie ohne mit der Wimper zu zucken 5,99 Euro für ein Kaffeegetränk ausgeben, das in 10 Minuten ausgetrunken ist. Manche sagen, sie haben keine Zeit zum Lesen, sitzen dann aber drei Stunden vor dem Fernseher, um ihre Serien zu schauen. Das ist alles völlig okay. Wenn einem das gesellige Kaffeetrinken mit Freundinnen wichtiger ist, als allein zu Hause ein Buch zu lesen, ist das doch schön!
Es geht hier um Prioritäten. Für das, was einem wichtig ist, opfert man doch gern Zeit und Geld.
Ist dir dein Buch wichtig? Ich denke schon.
Vielleicht hast du bereits ein tolles Cover ausgesucht, das dein Buch von außen zu einem Schmuckstück macht. Du hast sogar Geld dafür ausgegeben, damit es nicht „billig“ aussieht? Warum hast du das getan? Weil billige, möglicherweise sogar ohne das nötige Wissen selbst gestaltete Cover nicht schön sind und Leser abschrecken könnten.
Genauso verhält es sich allerdings auch mit dem Text. Sollte dein Buch nicht von innen genauso schön sein wie von außen?
Wenn es dir nur wichtig ist, dass es im Regal hübsch anzusehen ist, es für dich aber okay ist, wenn es noch Fehler enthält, dann brauchst du kein Lektorat. Du wirst aber erleben, dass sich Leser vom schönen Schein getäuscht fühlen und dies auch in Rezensionen mitteilen.
Du möchtest doch eine Geschichte erzählen, sonst hättest du das Buch nicht geschrieben. Was aber nützt die beste Geschichte, wenn der Leser das Buch weglegt, weil ihn die vielen Wortwiederholungen und Logikfehler stören?
Ja, ein Lektorat kostet Geld. Aber es zahlt sich aus!
Das Schreiben eines Romans dauert im Normalfall Monate, das Ruhenlassen und Überarbeiten auch noch mal einige Wochen. Warum muss das Buch dann im Schnellverfahren veröffentlicht werden, nur weil das heute so einfach ist? Warum nicht warten, bis die finanziellen Möglichkeiten für ein Lektorat gegeben sind?
Wenn du schreibst, um zu veröffentlichen, dann hast du dich doch über die anfallenden Kosten informiert. Diese kommen ja nicht von heute auf morgen zustande. Für einen Urlaub muss man auch sparen, warum also nicht für die Erfüllung seines Traums von der Buchveröffentlichung? Okay, es ist nicht jedem möglich, Geld zur Seite zu legen. Das ist verständlich und wäre für mich in bestimmten Lebensphasen auch nicht möglich gewesen. Falls du trotzdem nicht den Weg über einen Verlag gehen willst (der für alle Kosten aufkommt), gibt es noch eine weitere Möglichkeit: Ich habe gehört, dass einige Lektoren eine Art „Mini-Lektorat“ anbieten, das heißt, sie nehmen sich für kleines Geld die ersten Seiten vor, lektorieren diese und geben ein Feedback, worauf der Autor bei einer weiteren Überarbeitung achten sollte. Meist offenbaren sich Schwierigkeiten bereits auf den ersten Seiten, sodass dies durchaus eine sinnvolle Lösung sein kann, seinen Text zu verbessern.
Wenn der Lektor z. B. mehrere Wortwiederholungen aufdeckt oder dem Autor mitteilt, dass er noch stärker auf die Vermeidung von Füllworten achten sollte, kann dieser das Manuskript noch einmal gezielt auf diese Schwächen hin untersuchen. Das kann zwar kein komplettes Lektorat ersetzen, ist aber auf jeden Fall besser als nichts.

Und hier mein Schlussplädoyer:

Das Lektorat zahlt sich nicht nur für das aktuelle Manuskript aus. Mit jedem Lektorat lernst du dazu und verbesserst dein Schreibhandwerk. So geht es jedenfalls mir. Ich liebe ja das winzige Füllwort „gar“ in der Kombination „gar nicht“. Mir war gar nicht (!) bewusst, dass ich es häufig benutze. Seit meinem letzten Lektorat zucke ich jedes Mal zusammen, wenn ich die drei Buchstaben tippe, und prüfe genau, ob ich das Wort wirklich brauche oder ob ein einfaches „nicht“ ausreicht. So wird es dir auch gehen. Du wirst Fehler nicht wiederholen, die dir einmal aufgezeigt wurden – wenn du das Lektorat ernstnimmst und dein Handwerk verbessern willst.
Im Laufe der Zeit werden immer weniger Korrekturen nötig sein. Das reduziert letztendlich auch die Kosten.

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