Neues aus der Autorenwerkstatt: Wie man Ideen für Romane findet

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* Neues aus unserer Autorenwerkstatt *

von Mariella Heyd

Wie man Ideen für Romane findet oder:

 

Die Muse und die Sache mit dem Versteckspiel hinter dem Alltäglichen

Wie und wo findest du deine Inspiration? Was inspiriert dich? 

Das sind Fragen, die mir so oder so ähnlich sehr häufig in Interviews, von anderen Autoren oder auch von Freunden und Bekannten gestellt werden. Im gleichen Atemzug fällt oft das Wort Schreibblockade, also unter anderem das Hemmnis einen Anfang zu finden, eine Szene bildgewaltig zu beschreiben, die passenden Formulierungen aufzutreiben oder generell Ideen zu erschaffen und vor Esprit zu strotzen. Der kausale Zusammenhang zwischen dem Schreibprozess und der Inspiration ist also gegeben. Das lässt den Schluss zu, dass scheinbar die Feder still steht, wenn man nicht gerade von der Muse geküsst wird.
Eine Muse (oder auch mehrere) hatte wohl so ziemlich jeder bekannte Künstler in Form einer hübschen Frau; so munkelt man zumindest. Müssen wir also zukünftig unseren Partnern klar machen, dass da noch eine dritte Person (aus rein beruflichen Gründen versteht sich) einziehen wird? Natürlich nicht, denn wie sollte mir ein fremder Mensch allein durch seine Anwesenheit Ideen für neue Geschichten liefern? Zumindest für mich funktioniert das nur in der Theorie oder eben einem Künstleratelier.
Womit wir wieder bei der Eingangsfrage wären: Wie und wo findet man denn nun diese berüchtigte Inspiration?
Ich suche sie im Alltag und häufig findet sie dabei mich. Wie das geht?
Achtsamkeit …
Achtsamkeit bedeutet für mich, Dinge bewusst wahrzunehmen, die im Alltag häufig untergehen und auch banale Dinge zu hinterfragen. Wer lebt hinter dem Fenster mit den vergilbten Gardinen und der welken Orchidee, an dem ich jeden Tag vorbei laufe? Eine alte Dame, die allein nicht mehr so gut zurechtkommt (Wieso? Ist ihr Mann verstorben? Ist sie dement?) oder lebt dort vielleicht ein Mann, der zu viel raucht und kein Händchen für Pflanzen besitzt? (Wieso besitzt er dann diese Blume? Hat sie seiner Frau gehört, bis sie ausgezogen ist? War es ein Geschenk? Wenn ja, von wem und warum? Oder war er früher Gärtner gewesen und hat aus irgendeinem Grund seine Liebe zu dieser Arbeit verloren? Was könnte der Grund gewesen sein?)
So entstehen Figuren und Ideen fernab meines Schreibzimmers, die ich mir sonst vielleicht nicht ausgedacht hätte, weil es echte Eindrücke aus dem Leben sind und dennoch genügend Spielraum für Interpretationen lassen. Man muss nur hinterfragen, Fragen zum Hinterfragen stellen und weitere Fragen zu den Fragen hinterfragen 😉
Ansprüche herunterschrauben …
Inspiration bedeutet nicht, dass einem ein fertiger Plot in den Schoß fällt. Mit dieser Erwartungshaltung kommt man nie zu Potte bzw. zu Plotte (Achtung: Wortwitzgefahr!). Inspiration meint das Wahrnehmen von Details. Pollen und Blütenblätter am Fenster bedeuten nicht zwangsläufig den Gedanken hegen zu müssen „Ich sollte die Fenster putzen“. Gut, vielleicht sollte man das im zweiten Schritt in Erwägung ziehen, aber zuerst sollte man diesen Ausschnitt der Realität bewusst wahrnehmen. Kann dieser Sinneseindruck der Anfang eines ersten Kapitels sein? Oder eine Möglichkeit, die Jahreszeit einer Geschichte zu beschreiben, ohne die Worte „Frühling“, „April“, „die Blumen blühten“ oder ähnliches verwenden zu müssen, was bereits in zig anderen Romanen benutzt wurde?
Mildred saß an ihrem Schreibtisch und schaute aus dem Fenster in den Hinterhof des Mehrfamilienhauses. Die Aussicht störten nur Pollen und weiße Blütenblätter, die an der Scheibe klebten und von dem Kirschbaum im Nachbargarten stammten. Beides legte sich wie ein Filter über den Anblick des mit Unkraut und Dornen übersäten Grundstücks, der ein Schandfleck im Vergleich zur Oase des Nachbarn war.
Zugegeben, dieses Beispiel ist nun keine Meisterleistung, aber Sie verstehen, was ich meine. Es gilt, Details aufzusaugen und nicht zu erwarten, dass daraus sofort ein Schinken mit 300 Seiten und etlichen Plottwists wird.

 

Schmieren Sie sich morgens gerne ein Honigbrot? Wann haben Sie zuletzt den Honig bewusst wahrgenommen? Farbe, Konsistenz, Geruch, Herkunft, Geschmack etc. Vielleicht hat ihr nächster Protagonist ein Faible für Honig, honigbraune Augen oder Sie erfinden eine Szene, in der ihr Protagonist mit dem Bienenstock in seiner Gartenlaube kämpft. Oder erinnern Sie sich an das Bienensterben und was es für unsere Welt bedeutet. Wieso nicht einmal die Bienen zu Wort kommen und/oder gegen die Menschheit ankämpfen lassen. Ihr Frühstück bietet bereits eine Vielzahl an Möglichkeiten 😉
Ich sammele alle Ideen, die mir im Lauf eines Tages in den Kopf kommen in einem Notizbuch und verknüpfe sie von Zeit zu Zeit zu Handlungssträngen. Et voilà! Der Beginn einer Geschichte oder eines Kapitels ist geschafft.

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