Neues aus unserer Autorenwerkstatt: Warum ich plotte von Jessie Weber

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* Neues aus unserer Autorenwerkstatt *

von Jessie Weber

 

Warum ich plotte

 

Ich überarbeite gerade das erste Manuskript, das ich je fertiggestellt habe. Das war vor mittlerweile 12 Jahren, und ich habe es geschrieben, bevor ich je in einem Schreibforum unterwegs war, bevor ich andere Autoren kannte, bevor ich je einen Schreibratgeber in den Händen hatte. Bevor ich auch nur ahnte, was es heißt, zu plotten. 

Tja. Ganz ehrlich? Das merkt man dem Text auch an. Er ist – lang. Kommt vom Hunderten ins Tausendste. Enthält Details, die kein Mensch braucht, unzählige Perspektivwechsel (räusper, sogar ein Pferd hatte eine Perspektive), Szenen, die ersatzlos gestrichen werden können – nein, müssen! Nach vier Überarbeitungsdurchgängen sind von ursprünglich 1000 Seiten noch 700 übrig, und ich vermisse keine einzige der verschwundenen. Ich bin sicher, dass weitere 200 wegkönnen. Deshalb mache ich weiter. Es wird noch dauern, bis ich fertig bin. 

Warum ich es mir trotzdem antue? Ich liebe die Geschichte, die Charaktere, das Setting. Ich liebe sie einfach. Ich will, dass es funktioniert. 

Damit mir das nicht wieder passiert, habe ich angefangen, meine Geschichten zu plotten. Ich benutze dafür kein bestimmtes System. Es gibt so viele, und noch bin ich mit keinem richtig warm geworden. Das ist aber auch egal. Da muss jeder Autor seinen eigenen Weg finden. Dies ist meiner: 

 

 

Am Anfang ist das Bild. Nicht das Wort. So ist es bei mir. Ich sehe eine Person vor mir, die irgendwo steht, irgendetwas tut. Ich beobachte sie. Welche Kleidung trägt sie, wie alt ist sie, was tut sie als Nächstes, welche weitere Person kommt möglicherweise hinzu? Sagt sie etwas? Nachdem ich eine Weile beobachtet habe (meist im Geiste, nur manchmal sind reale Personen der Auslöse

r für das Bild, das in meinem Kopf auftaucht), fange ich an, die ersten Szenen, die ich vor mir sehe, aufzuschreiben. Aus diesen ersten Szenen forme ich dann den Plot, denke mir die ganze Geschichte aus. Der Anfang bleibt meist das erste Bild, das Ende ist auch relativ schnell klar, ebenso die Konflikte auf dem Weg dahin. Dann überlege ich mir die Erzählperspektive – eine oder zwei, Ich-Perspektive oder 3. Person. So füllt sich langsam ein Dokument, das ich „Hintergrund“ nenne, mit Notizen über die Charaktere, das Setting, die Konflikte, Stichworte, die mir einfallen, Details, die ich unbedingt in der Geschichte unterbringen möchte. Dazwischen gibt es immer schon die Szenen, die mir in dieser Phase einfallen. Häufig schreibe ich das Ende relativ früh. Ich muss wissen, wohin der Weg geht, um losmarschieren zu können. 

 

 

Ist das Dokument gut gefüllt und häufen sich die Szenen, die mir einfallen, wird ein neues Dokument geöffnet, das schließlich die Geschichte enthalten wird. Ich fange an, Kapitel einzuteilen. Mein Schreibprogramm ermöglicht mir, zu jeder Kapitelüberschrift im „Navigationsbereich“ links neben dem Text etwas zu schreiben. Hier skizziere ich in Stichworten, was in dem jeweiligen Kapitel passieren soll, und lagere auch meine kleinen fertigen Szenen zwischen. Ob diese später tatsächlich im Manuskript auftauchen, ist ungewiss. Meist ändern sich auf dem Weg zu viele Details, als dass die Szenen noch genauso stehen bleiben könnten. 

Ja, obwohl ich plotte, haben meine Charaktere genügend Freiheiten, ihren eigenen Weg zu gehen. Manchmal überraschen sie mich. Plötzlich geschieht ein Mordversuch, den ich nicht eingeplant hatte, oder eine unverhoffte Liaison. Der Plot jedoch hilft mir dabei, meine Helden wieder einzufangen, sie auf den richtigen Weg zurückzuführen. Schließlich weiß ich, wohin sie wollen. Ihre Eskapaden lasse ich ihnen, aber der Chef bin ich. 

Der Plot hilft mir, mich nicht zu verzetteln. Wenn eine Idee dazwischenkommt, die sich als gut erweist, wird sie selbstverständlich eingebaut, es gibt kleinere Umwege und Zwischenstopps, doch nichts davon bringt mich vom geplanten Weg ab. Der Plot ist sozusagen das Haus, die nackten Grundmauern. Wie meine Helden ihre Zimmer gestalten, welche Farben sie benutzen, bleibt ihnen überlassen. Die Spontanität geht für mich auch mit dem Plotten nicht verloren, aber es hilft mir, dass das Haus – die Geschichte – am Ende auf soliden Füßen steht. 

Das ist mein Weg. Was ist eurer? 

Eure Jessie 

 

PS. Die Fotos zeigen den Plot zu „Töchter der Stürme“. Da sich der Handlungsverlauf an historischen Wetteraufzeichnungen orientiert, war hier eine genaue Planung notwendig. Trotzdem haben die Charaktere oft genug gemacht, was sie wollten.

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